13. Januar 2012 | Wand + Boden + Dach + Dämmung
Fassade statt Dach? (WR 4.2011)
Flache Mauerziegel und eine ebenso flach konzipierte Dynamische Deckung aus Schiefer prägen eine kleine Villa in Hamburg. Das geradlinige Gebäude ist eine Interpretation traditioneller Vorbilder.
Die Wohnstraße in Hamburg ist geprägt von eingeschossiger Bebauung. Dunkle Dächer, oft auch in Schiefer, gehören zum Bild des hanseatisch gediegenen Viertels im Grünen, unweit der Elbe. Das anstelle eines Walmdachbungalows komplett neu errichtete Einfamilienhaus folgt mit seiner Materialität den Vorgaben aus dem Umfeld, mit seiner Geometrie setzt es aber neue Akzente. „Früher“, so Architekt Björn Nolte von den Architekten Plan²_A, „gab es hier klare Ansprüche an die Wohngegend. Haus und Garten waren eigenständig repräsentativ. Jetzt wo die Grundstücke knapp und teuer werden, ist es wichtig, dass die Flächen besser nutzbar sind. Diesen höheren, intelligenteren Standard können die gemütlichen, aber platzverschwendenden Grundrisse der alten Häuser nicht mehr erfüllen“.

Bild: Rathschek Schiefer
Entwurf von innen nach außen:
Um das Potenzial des Grundstücks bestmöglich zu nutzen, entwickelten die Architekten einen kompakten, weitgehend kubischen Bau. Dabei stand ein optimierter innenraumbezogener Entwurf im Mittelpunkt. Architekt Nolte: „Schließlich wohnt man mehr im Haus, als man um das Haus herumläuft“. In letzter Konsequenz forderte diese Entwurfsmethode auch für die Schlafräume im Obergeschoss ein Maximum an Nutzbarkeit und Komfort. Um der 2/3-Wohnraumregel für das Obergeschoss gerecht zu werden, entwickelten die Architekten neben dem Elternschlafzimmer eine praktische Loggia. So entstand im Obergeschoss ein weitgehend geschützter kleiner Innenhof und die reine Wohnfläche erfuhr die baurechtlich geforderte Reduktion. Damit präsentiert sich dieses Bauwerk wie ein Zweigeschosser, ist baurechtlich ein Haus mit nur einem Vollgeschoss und doch niedriger als alle anderen daneben stehenden klassischen Bauten.
Der Kubus ist im Obergeschoss komplett mit Schiefer bekleidet. Die Schieferdeckung unterteilt das Bauwerk in zwei Ebenen und stellt sozusagen das Dach dar. Dieses „Dachgeschoss“ ist vielfältig durchbrochen, wodurch ihm seine Mächtigkeit genommen wird. Die gestreckten Decksteinmuster der Dynamischen Deckung von Rathscheck Schiefer harmonieren dabei mit den hellen, ebenfalls stark gestreckten dänischen Design-Verblendziegeln, die das Erdgeschoss bekleiden. Dabei verleiht das schieferbekleidete, seidig glänzende Obergeschoss dem Bauwerk die Eleganz, die diese Wohngegend prägt.
Die Handwerker begannen die Schieferfassade oberhalb des Ziegel-Verblendmauerwerks mit einer individuell aus Zink gefertigten Abdeckung. Auf das KS-Hintermauerwerk wurde eine Holz-Alu-Tragkonstruktion aufgebaut, 12 cm MW-Dämmung mit diffusionsoffener Fassadenbahn und einer Hinterlüftungsebene von 4 cm montiert, eine Vollschalung aufgebracht und mit einer Vordeckung abgedeckt. Basis für die Schieferdeckung waren Steine der Maße 60×30, 50×25, 40×25, 40×20 und 30×20 cm. Sie wurden so genutzt bzw. zugeschnitten, dass damit vier verschiedene Gebindehöhen eingedeckt werden konnten. Die sichtbaren Gebindehöhen betrugen 10, 15, 20 und 25 cm. Trotz der scheinbar einfachen rechten Winkel erfordert die Verlegung der Dynamischen Deckung ein Gespür für Ästhetik. Darüber hinaus war ein gutes Zusammenspiel mit den beteiligten Klempnern erforderlich, die die Fensternischen, Vorsprünge und Abdeckungen in traditioneller Winkelstehfalzdeckung aus anthrazitfarbenem Titanzink bekleideten. Die zum Schiefer passenden dunklen Metallabdeckungen verleihen dem kubischen Bauwerk noch mehr Tiefe und Charakter. Diese gelungene Arbeit trägt die Handschrift eines Dachdeckers, der sich an dem Objekt mit großem Engagement eine bemerkenswerte Referenz schuf.
Quelle: Rathschek Schiefer




